Bruder Rafaels geistlicher Weg
Das äußere Leben von Bruder Rafael erscheint uns ungewöhnlich, weit weg von unserem eigenen: Er entstammte einer spanischen Adelsfamilie, wichtige Jahre seines Lebens waren geprägt vom spanischen Bürgerkrieg, er war künstlerisch und schriftstellerisch sehr begabt, er erkrankte schwer an Diabetes. Seine innere Entwicklung aber ist einfach die eines Menschen, der sich aufrichtig und konsequent auf ein monastisches Leben einlässt, also auf das, was der heilige Benedikt in seiner Regel fordert: „Christus überhaupt nichts vorziehen“ (Regel 72,11).
1. Kurz über sein Leben
Rafael Arnáiz Barón, wie sein voller Name lautet, wurde am 9.April 1911 in der Stadt Burgos in Spanien geboren, als Ältester von vier Kindern. Er hatte zwei Brüder, Luis Fernando und Leopoldo; das jüngste Kind war ein Mädchen namens Mercedes. Die Eltern schickten Rafael zu den Jesuiten in die Schule. Es zeigte sich, dass er sehr begabt war, vor allem in Mathematik, aber er musizierte auch, zeichnete und malte und erhielt Unterricht bei dem Landschaftsmaler Tamayo. Die Natur liebte er sehr, und er fand in ihr überall die Größe und Liebe ihres Schöpfers.
Zum bestandenen Abitur bekam er einen vierwöchigen Besuch bei seinem Onkel Leopoldo, dem Herzog von Maquedo und dessen Frau María in Avila geschenkt. Während dieser Zeit besuchte er das Trappistenkloster San Ísidro de Duenas. Er kam noch zweimal dorthin, dann bat er den Abt um Aufnahme, obwohl er das 1930 begonnene Studium der Architektur noch nicht beendet hatte. Am 15. Januar 1934 trat er in San Ísidro ein, musste das Kloster aber bereits nach vier Monaten wieder verlassen, da er schwer an Diabetes erkrankte, was damals sehr schwierig zu behandeln war.
Deshalb musste Br. Rafael eineinhalb Jahre zuhause verbringen, bis seine Gesundheit sich einigermaßen stabilisiert hatte. In dieser Zeit erlebte er mit seiner Familie den Aufstand in Asturien, bei dem Kommunisten die Stadt Burgos eroberten und sie einige Tage gegen die Truppen der Regierung verteidigten. Obwohl das Haus der Familie besetzt war und sie wegen des Beschusses und der feindlich eingestellten Besetzer in ständiger Todesgefahr schwebten, geschah niemandem etwas.
Br. Rafaels Schwester Mercedes erkrankte damals schwer. Ihr Zustand schien dem Arzt hoffnungslos, so dass er sich weigerte, noch einmal zu kommen. Da ging Br. Rafael in die Kirche, um die Muttergottes für sie zu bitten 1. Noch in derselben Nacht begann die Genesung, und Mercedes wurde wieder gesund.
1936 wagte Rafael es, erneut um Aufnahme in San Ísidro zu bitten, diesmal als Oblate, weil er wusste, dass er wegen seiner Krankheit die Regel nicht in ihrer vollen Strenge halten konnte. Im selben Jahr 1936 musste er das Kloster wegen des Bürgerkriegs, der noch bis 1939 dauerte, wieder verlassen, weil die Mönche zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Rafael stellte sich natürlich als untauglich heraus und konnte ins Kloster zurückkehren. Doch ein neuer Schub seiner Zuckerkrankheit führte dazu, dass er Anfang Februar 1937 wieder nach Hause geschickt wurde. Sobald er einigermaßen wiederhergestellt war, kam er ins Kloster zurück, wo er einige Monate später schwer erkrankte und bald darauf, am 26. April 1938 starb, gerade 27 Jahre alt. 1992 wurde er seliggesprochen; am 11.Oktober 2009 war seine Heiligsprechung.
2. Sein geistlicher Weg
Wichtiger als Rafaels äußerer Lebenslauf ist natürlich sein innerer Weg. Er erinnert an das Büchlein „Demut und Gehorsam“ von Dom André Louf, einem bekannten Abt unseres Ordens. Darin findet sich eine Beschreibung, die recht genau auf Br. Rafael zutrifft: „Ein junger Mann glaubt sich für unser Leben berufen. Er ist von einem gewissen monastischen Ideal begeistert. Dieses Ideal appelliert an seine Großmut, und er ist bereit, hochherzig zu antworten. Er wird große Opfer auf sich nehmen. Er will ein guter Mönch werden. Er will ein vorbildlicher Mönch werden, er will ein vollkommener Mönch werden, vielleicht sogar ein heiliger Mönch. Mit seiner ganzen Begeisterung und Energie geht er ans Werk“ 2 . So war Br. Rafael, und er ist tatsächlich heilig geworden – aber nicht so, wie er sich das am Anfang vorstellte...
Wenn man seine Begeisterung für das trappistische Leben verstehen will, muss man bedenken, dass Rafael in einer sehr frommen spanischen Familie aufwuchs - fromm im guten Sinn, das heißt, es wurden nicht nur die religiösen Pflichten eines Katholiken erfüllt, sondern man lebte wirklich in Beziehung mit Gott und auf das ewige Leben hin. So war es kein Wunder, dass Rafael sehr beeindruckt war vom Leben der Mönche in San Ísidro de Duenas; ihre Strenge und Konsequenz entsprach seinem eigenen Ideal vom Leben eines Christen. Als er dann um Aufnahme bat, schrieb er dem Abt, er habe „den festen Entschluss gefasst“, sich Gott „mit ganzem Herzen, mit Leib und Seele zu überlassen“ 3. Und Rafael betonte, dass er nicht aufgrund negativer Erfahrungen ins Kloster gehen wollte, aufgrund von Liebeskummer oder Verachtung der Welt. Er hatte wohlhabende Eltern, einen großen Freundeskreis und befand sich mitten in seinem Studium der Architektur, das ihm Freude machte, weil es seiner Begabung entsprach: Was die Welt „mir geben kann“, schrieb er, „das habe ich alles. Gott hat mir in Seiner unendlichen Güte in meinem Leben viel mehr geschenkt, als ich verdiene. Daher, ehrwürdiger Vater, seien Sie sicher, dass Sie, wenn Sie mich in die Gemeinschaft aufnehmen, nur ein sehr fröhliches Herz mit viel Liebe zu Gott aufnehmen“ 4
Das waren keine leeren Worte: Vielmehr zeigte die Fröhlichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sich Br. Rafael in den strengen trappistischen Alltag einfügte, seinen Mitbrüdern, dass hinter seiner Entscheidung eine große Liebe zu Gott stand. Dabei war er nicht unbedingt ein „braver Novize“, der sich peinlich bemühte, alle Regeln einzuhalten. Ein Mitbruder klagte ihn einmal an, dass er ein weltliches Lied sang, anstatt gregorianischen Choral zu üben. Humorvoll wie er war, brachte Br. Rafael seine Mitnovizen oft durch seine Späße zum Lachen, wobei er aber sehr darauf achtete, niemanden zu verletzen. 5
Das ist ein Charakterzug, der an Br. Rafael sofort auffällt. Die respektvolle und liebenswürdige Art, wie er mit einem jeden umging, zeigt, wie hoch er die Würde jedes Menschen schätzte. Er nahm sehr ernst, dass jeder nach dem Bild Gottes geschaffen ist und dass Christus für jeden Menschen gestorben ist. So gewann er leicht die Herzen aller, die mit ihm zu tun hatten. Er war bei seinen Mitbrüdern im Kloster ebenso beliebt wie in seiner Familie, bei den Mitstudenten und den Kameraden beim Militärdienst. Selbst zu seinen Eltern und Verwandten (besonders zu seiner Tante Maria) hatte er eine freundschaftliche Beziehung.
Die körperliche Arbeit, vor allem in den Weinbergen, war für ihn natürlich ganz ungewohnt und hart. Aber auch das nahm er mit Humor; in einem Brief an seinen Onkel Leopoldo schrieb er: „Ich erinnere mich an die ersten Tage als Postulant, als wir in Reih und Glied aufs Feld hinauszogen. Jeder Novize mit seiner Hacke, und ich als letzter. Wir machten uns schweigend auf den Weg zu den Weinfeldern. Es herrschte eine schreckliche Kälte; die Erde war hart durch den Frost, und außerdem war ich so müde. Nun gut, mehr als einmal benetzte ich die Schollen, die ich mit meiner Hacke losriss, mit Tränen so groß wie Apfelsinen...“ 6. Obwohl es genug Leute gab, die ihn bewunderten, widerstand er selbst immer der Versuchung, aus dem Trappistenleben etwas Heldenhaftes zu machen. So liest man in einem Brief an seine Mutter: „Ich habe mich sehr gut an die Regel gewöhnt, die – auf den ersten Blick und von draußen betrachtet – hart erscheint, aber hier ist das einzig Harte das Bett. Alles andere ist streng, aber nicht unmenschlich – absolut nicht.“ 7
Doch bereits vier Monate nach seinem Eintritt zeigten sich die Symptome einer „Diabetes mellitus“; innerhalb einer Woche verlor Br. Rafael 24 Kilo Gewicht und konnte kaum mehr sehen. Der Arzt empfahl, ihn nach Hause zu schicken, weil er da besser unter ständiger ärztlicher Kontrolle die notwendige strenge Diät halten konnte. Br. Rafael war unglücklich, doch er fügte sich dem Wunsch des Abtes und verließ San Ísidro in der Hoffnung, bald gesund wieder dorthin zurückzukehren. Aber die Genesung zog sich über eineinhalb Jahre hin und stellte seinen Glauben auf eine harte Probe: Warum hatte Gott ihn zuerst als Trappisten berufen und nun wieder in die Welt zurückgeschickt?! Und in der Aufrichtigkeit, mit der er immer mit sich selbst umging, erkannte er, dass er ein Ideal seines Lebens als Trappist vor Augen gehabt hatte, das er anstrebte: Er wollte ein Heiliger werden, er wollte zeigen, dass er dieses strenge Leben aus Liebe zu Gott führen konnte, dass er die harten Bußübungen und das Fasten auf sich nehmen konnte, um für die Missachtung Gottes durch so viele Menschen zu sühnen; er wollte gern Priester werden, um das Messopfer darbringen zu können; er fand es schön, den weißen Habit der Trappisten zu tragen... Letztlich ging es darum, etwas aus eigener Kraft zu erreichen, sich selbst und den anderen etwas zu beweisen. In einem Brief schrieb er über sich: „diese arme Seele, die eines Tages voller Stolz fliegen wollte und der Gott in Seiner unendlichen Güte die Flügel stutzte, sie demütigte und ihr zeigte, was sie war: ein wenig Schmutz voller Eitelkeit“ 8.
Damit bin ich wieder bei André Louf, denn Br. Rafael war hier am entscheidenden Punkt eines Mönchslebens angekommen, den Dom André Louf folgendermaßen beschreibt: „Jede Form echter Askese muss den Mönch irgendwie zu diesem Nullpunkt bringen, wo seine Kräfte zusammenbrechen, wo er mit seiner äußersten Schwachheit konfrontiert wird und ihr nicht mehr gewachsen ist. So wird sein Herz zerschlagen, zermalmt... Und mit seinem Herzen alle menschlichen Vollkommenheitspläne. In seinem zerschlagenen, zerstoßenen Herzen, wo nur noch Schwachheit und Unvermögen herrschen, da kann die Kraft Gottes auftreten und alles neu übernehmen“ 9. Br. Rafael erkannte, dass das Entscheidende in seinem Leben sein musste, Gott wirken zu lassen. Er sah ein, wie viel Stolz noch hinter seinem scheinbar so demütigen Leben steckte und wie nötig es war, dass Gott seine Liebe läuterte.
Deshalb war für ihn klar, dass er wieder ins Kloster zurückkehren würde. Manche Menschen bewunderten ihn dafür, andere hielten ihn für verrückt und selbstmörderisch 10. In dieser Situation verfasste Br. Rafael die „Apologie eines Trappisten“, in der er seinen Entschluss verteidigt und über die Trappisten schreibt: „Der erste und wichtigste Punkt ist, dass der Trappist nichts anderes wünschen soll, als was Gott will; dass Gott sein einziger Gedanke, sein einziges Verlangen und seine einzige Liebe sei. Wie man sieht, ist das, womit sich der Trappist beschäftigt, ganz einfach. Er benötigt kein besonderes Studium; es bedarf nicht außergewöhnlicher Bedingungen, wie viele Leute meinen, und es ist auch nicht erforderlich, sich Gewalt anzutun oder sich zu zerstören. Eines genügt: Gott über alles zu lieben...“ 11.
Schließlich bekam Br. Rafael sowohl von einem Arzt als auch vom Novizenmeister der ‚Trapa’ die Auskunft, er könne das klösterliche Leben wieder aufnehmen – freilich nicht mehr als Chornovize, sondern als Oblate, ohne die vollen Rechte und Pflichten eines Mönchs. Für einen jungen Mann wie Br. Rafael, der das Mönchsleben mit solcher Begeisterung und Hochherzigkeit begonnen hatte, war das sehr demütigend. Doch in seinem Brief an den Abt schrieb er: „Ich bitte die Gemeinschaft erneut darum, mich armen Menschen aufzunehmen, der nach nichts verlangt und nichts sehnlicher wünscht, als im Hause Gottes weilen zu dürfen; nichts hindert mich daran, bei Ihm zu sein, Ihm mein Schweigen den Menschen gegenüber zu weihen und Ihn still, demütig und in der Einfachheit eines Oblaten zu lieben“ 12. Er bemühte sich, darauf hinzuweisen, dass auch der heilige Benedikt Oblaten aufgenommen habe, „und unter ihnen waren Heilige. Warum sollte ich nicht einer von ihnen sein?“ So fragte er. Aber gleich korrigierte er selbst diesen hochfliegenden Gedanken: „Mit meiner eigenen Kraft könnte ich das nicht, aber mit Jesus und Maria an meiner Seite vermag ich alles. Wenn ich schwach werde, werden sie mir helfen“ 13.
Das ist etwas, was an Br. Rafael immer wieder auffällt: sein absolutes Vertrauen auf die Hilfe von Jesus und Maria. Gott und seine Heiligen waren für ihn ganz real. Thomas Merton hat einmal geschrieben, dass Gott die Wirklichkeit ist 14; obwohl wir ihn mit unseren leiblichen Sinnen nicht erfassen können, ist Gott wirklicher als alles andere, was um uns herum ist, was wir sehen, hören, anfassen können. Ähnlich sagte Papst Paul VI. in seinem „Credo des Gottesvolkes“, Gott „ist ‚esse’ und ‚amor’, also die Wirklichkeit schlechthin und zugleich die Liebe“ 15. Diese Wahrheit hat Bruder Rafaels Leben bestimmt: Gott existiert – und er liebt mich. Dadurch wurde alles andere relativ, die Liebe zu seiner Familie, zu den Freunden, seine Berufsaussichten, seine künstlerische Begabung, die Härte des Trappistenlebens, ja selbst seine Krankheit und schließlich sein qualvolles Sterben.
Wieder zurück im Kloster, machte Br. Rafael die Schwäche seines Körpers aufgrund der Krankheit schwer zu schaffen. In aller Ehrlichkeit schrieb er einmal: „Fünf Uhr früh. Ein Trappist, der soeben kommuniziert hat, was sagt er? Woran denkt er? Seine Seele möchte in die Reiche des Lichtes entfliegen, aber seine Augenlider sind schwer von Müdigkeit und schließen sich“ 16. Mittlerweile war ihm klar, wie wenig er aus eigener Kraft vermochte, dass er ganz auf Gottes Gnade angewiesen war, wie es der heilige Bernhard so treffend beschreibt: „Wenn meine Kraft versagt, genügt mir deine Gnade. Ich stelle mich also fest auf das Standbein der Gnade und ziehe mein eigenes krankes und lahmes Bein nach“ 17. Wichtig dabei war für Br. Rafael, niemals aufzugeben: „Kämpfen wir Tag für Tag, ohne den Mut zu verlieren: einmal mit einer Seele, die hingerissen ist von der Liebe zu Gott, und die sich ein andermal über den Boden dahinschleppt“ 18.
Anfang Februar 1937 musste man Br. Rafael erneut nach Hause schicken, „aufgrund der Verschlimmerung seiner Krankheit und weil er im Kloster nicht entsprechend versorgt werden konnte“ 19, wie es in der Chronik des Klosters heißt. In einem Brief an einen Mitbruder allerdings schreibt Br. Rafael ganz selbstkritisch, dass es daran lag, dass er seine Krankheit nicht akzeptieren wollte: „Die Schuld an meinem Rückfall hatte ich und sonst niemand. Es war meine Eigenliebe, mein Wunsch, das zu tun, was ich weder tun kann noch darf. Es kam, weil ich mich meiner Krankheit nicht beugen wollte, weil ich eigensinnig und ungehorsam war und nicht einsah, dass Gott mich so haben will.“ 20
Um den Gefahren des Bürgerkriegs zu entgehen, lebte seine Familie mittlerweile auf dem Land, und abgesehen von seiner Krankheit hätte er ein Leben in aller Bequemlichkeit führen können. Rafael fügte sich auch möglichst in das familiäre Leben ein, um niemandem zur Last zu fallen. Doch er benutzte die einfachen alltäglichen Dinge, um seinen Eigenwillen zu disziplinieren, wie seine Mutter berichtet: „die Beherrschung seines lebhaften und ungeduldigen Temperaments, die Milde und Liebe im Umgang innerhalb der Familie. Er verzichtete freiwillig auf Speisen, die er liebte, unterwarf sich den Wünschen anderer, nahm seine Krankheit mit Gelassenheit an; stets war er darauf bedacht, dass keine einzige Klage über seine Lippen kam“ 21. Rafael war bereit, in der „Schule der Liebe“ weiter zu lernen; an seinen Onkel Leopoldo schrieb er damals: „Ich habe gelernt, die Menschen zu lieben, wie sie sind, und nicht, wie ich sie mir wünsche. Und meine Seele – mit oder ohne Kreuz, gut oder schlecht, hier oder dort, wo immer Gott sie hinstellt und wie Gott sie haben will – hat eine Umwandlung erfahren… ich nenne das, was ich gelernt habe, Gelassenheit. Es ist ein ganz großer Friede, mit dem man leiden und sich freuen kann. Es ist ein Wissen darum, von Gott geliebt zu sein trotz unserer Kleinheit und unseres Elends. Wenn wir uns wirklich Seiner Hand überlassen, ergreift eine sanfte und ruhige Freude Besitz von uns“ 22.
Obwohl seine Krankheit nicht ausgeheilt war, bat er noch einmal darum, ins Kloster zurückkehren zu dürfen. Er erhielt die Antwort, die Tür stehe immer offen für ihn, aber er solle es sich „gut überlegen und nicht voreilig handeln, da sie im Augenblick keinen Krankenwärter“ 23 hätten. Br. Rafael blieb bei seiner Bitte; er schrieb ganz realistisch zurück: „Die Welt übt eine solche Anziehungskraft aus! Die Familie! Die Freiheit! Aber was bedeutet all das neben dem, was Gott dem schenkt, der alles verlässt? Glauben Sie mir, tausendmal würde ich alles verlassen aus Liebe zu Jesus, aber immer werde ich die Hilfe des Himmels nötig haben, denn ich bin ein Mensch, und Sie wissen, dass ich schwach bin und an allem hänge...“ 24. Am 15. Dezember 1937 ging er tatsächlich nach San Ísidro zurück – noch vor Weihnachten, weil er an die vielen Männer dachte, die Weihnachten auch nicht zu Hause feiern konnten, weil sie im Bürgerkrieg kämpften.
Am Tag darauf schrieb er: „Der gestrige Tag, an dem ich mein Elternhaus, meine Eltern und Geschwister verließ, gehört zu den schwersten meines Lebens. Es ist das vierte Mal, dass ich alles verlasse, um Jesus nachzufolgen, und ich glaube, dass es diesmal ein Wunder Gottes war; denn aus eigener Kraft hätte ich sicher nicht in die Krankenabteilung der ‚Trapa’ zurückkehren können, wo mich sowohl Mühsal und Hunger aufgrund meiner Krankheit als auch Einsamkeit des Herzens erwartet, denn ich sehe die Menschen weit entfernt. Gott allein! Gott allein! Das ist mein einziger Gedanke“ 25.
Ganz klar stand Br. Rafael dabei vor Augen, dass er aufgrund seiner Diabetes nicht mehr lange leben würde; und er wusste auch sehr gut, was ihm das Leben im Kloster schwer machen würde: nicht nur seine Krankheit, sondern auch die Einsamkeit. Die meiste Zeit verbrachte er abseits der Kommunität im Krankenviertel. Der frühere Krankenbruder, mit dem er sich gut verstanden hatte, war im Krieg, wie so viele andere Mönche. In der Infirmerie lebte damals ein schizophrener Bruder, der alles tat, um ihm das Leben zusätzlich schwer zu machen; doch Br. Rafael beklagte sich nie über ihn. Auch die Mitbrüder hatten nicht unbedingt alle Verständnis für seine Krankheit und ließen ihn das auch spüren 26.
Besonders schwer für Br. Rafael war, dass P. Teofilo, sein vertrauter Beichtvater, durch einen anderen ersetzt worden war. P. Teofilo, der ihm helfen wollte, trug ihm deshalb auf, ein Heft mit Aufzeichnungen über seinen inneren Weg zu beginnen. Br. Rafael nannte es „Gott und meine Seele“. Darin legte er sehr ehrlich Rechenschaft ab über seinen guten Willen und seine guten Vorsätze (z.B. „Nur zu leben, um zu lieben und zu leiden“) 27, aber mehr noch über seine Schwächen: „Eine Stunde Gebet ohne einen Gedanken an Gott! Ich nahm es kaum wahr, die Zeit verstrich… Ich dachte an mich, an mein persönliches Leiden; ich erinnerte mich an die Welt. Und Jesus? Und Maria? Nichts...“ 28.
Br. Rafael war ein sehr empfindlicher Mensch. Er wusste um diesen Fehler 29 und bemühte sich, ihn zu überwinden, zumindest die Empfindlichkeit für die Schwächen seiner Mitmenschen, unter denen er früher sehr gelitten hatte. Seine Sensibilität führte ihn aber auch dazu, dass er sich selbst bis in alle Tiefen durchschaute - und er besaß die Wahrhaftigkeit und den Mut, alle Regungen von Stolz und Eitelkeit, die uns meist verborgen bleiben, offen zu legen 30. Am Ostersonntag1938 überreichte ihm der Abt, der seine außergewöhnliche Berufung erkannt hatte 31, die Kukulle, die Br. Rafael als Oblate eigentlich nicht tragen durfte. Danach notierte er: „Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich hätte mich heute nicht von der Eitelkeit mitreißen lassen“ 32. Und über die Anprobe der Kukulle hatte er ganz ehrlich geschrieben: „Herr, Herr!! Wie töricht sind wir Menschen!! Wir haben Freude an einem Stück Stoff, und ein Sandkörnchen schmerzt uns! 33“
Die letzte Zeit im Kloster war ein Leidensweg, auf dem sich für ihn bewahrheitete, was der Philosoph Peter Wust während seiner Krebskrankheit schrieb: „Gott liebt nicht weichlich und sentimental wie die Welt. Wen er liebt, den verbrennt er in seiner Liebe zu Staub und Asche“ 34. Doch Br. Rafael konnte sein Leid und Elend ertragen, weil er darin Gottes überwältigende Liebe erfuhr. In ihm wuchs eine große Liebe zum Kreuz, an dem Jesus uns seine Liebe bis zum Äußersten erwies. Einen Monat vor seinem Tod erhielt Br. Rafael Besuch von seinem Bruder Luis Fernando, der darüber berichtete: „In Wirklichkeit bestand Rafaels großer Schmerz darin, in seinem so großen und tiefen Glauben zu sehen, wie sehr Gott ihn mit seiner unendlichen Liebe liebte... ohne jener Liebe Gottes, die er spürte, entsprechen zu können“ 35. Br. Rafael litt sehr unter der Unvollkommenheit, die jeder Liebe hier auf Erden anhaftet. In seiner Liebe hätte er für Jesus gern alles getan – und merkte doch auf Schritt und Tritt, wie wenig ihm möglich war.
Doch viele Eintragungen in seinem Heft „Gott und meine Seele“ zeigen, wie er sich immer mehr der Gnade und Liebe Gottes überließ. Am Dienstag in der Karwoche notierte er: „Mein Jesus, wie sehr liebe ich Dich, obwohl ich bin, wie ich bin! Und je schlechter und elender ich bin, umso mehr liebe ich Dich“ 36. „Ach, Herr Jesus, wie sehr liebe ich Dich! Wenn ich tausend Leben hätte, tausend würde ich dir schenken...“ 37. Die letzte Eintragung in seinem Heft stammt vom Ostersonntag, zehn Tage vor seinem Tod: „Ich erwarte immer weniger von den Menschen... Wie groß ist Gottes Barmherzigkeit! Er ersetzt über alle Maßen das, was mir die Menschen nicht geben können. Jesus allein erfüllt Herz und Seele“ 38.
Ich möchte schließen mit einem Zitat aus Thomas Mertons Buch „Der Berg der sieben Stufen“, das verblüffend genau auf Br. Rafaels Leben zutrifft: „Ich höre deine Stimme zu mir sprechen: Ich werde dir geben, was du wünschst. Ich werde dich in die Einsamkeit führen. Ich werde dich auf eine Weise führen, die du unmöglich verstehen kannst, weil ich will, dass es auf dem schnellsten Wege geschehe. Alles, was du berührst, wird dich brennen, bis du dich selbst von allen Dingen zurückgezogen hast. Dann wirst du ganz allein sein... Und deine Einsamkeit wird unermessliche Früchte tragen in den Seelen der Menschen, die du nie sehen wirst auf Erden“ 39.
Anmerkungen
1 | Rafaels Mutter in Vida y escritos, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 230 |
2 | Vgl. André Louf, Demut und Gehorsam bei der Einführung ins Mönchsleben, S. 17 f. |
3 | Br. Rafael, Brief vom 11.10.1930; zit n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 35 und 41. |
4 | Br. Rafael, Brief vom 19.11.1933; zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 80. |
5 | Vgl. P. Amadeo Pérez, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 162. |
6 | Br. Rafael, Brief vom 17.06.1934; zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 166. |
7 | Br. Rafael, Brief vom 29.01.1934; zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. V. Sr. Ingrid Mohr, S. 123. |
8 | Br. Rafael, Brief vom 01.11.1937, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 538. |
9 | André Louf, Demut und Gehorsam bei der Einführung ins Mönchsleben, S. 46 f. |
10 | Vgl. Sr. Ingrid Mohr, Wenn ich tausend Leben hätte..., S. 41. |
11 | Br. Rafael, Apologie eines Trappisten v. 19.09.1934, in Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S.198f. |
12 | Br. Rafael, Brief vom 09.10.1935, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 243. |
13 | Br. Rafael, Brief vom 09.10.1935, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 243. |
14 | Vgl. Thomas Merton, Monastischer Friede; zit. n. John Albert in CistSt 24/1989, S. 265. |
15 | Papst Paul VI., Credo des Gottesvolkes, zit. n. Joseph Overath, Gold, Weihrauch, Myrrhe, S. 12. |
16 | Meditationen eines Trappisten vom 03.08.1936, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, Sr. 431. |
17 | Bernhard von Clairvaux, Von den Stufen der Demut und des Stolzes IX.26, hrsg. v. B. Schellenberger, S. 93. |
18 | Meditationen eines Trappisten vom 05.08.1936, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 437. |
19 | Chronik von San Ísidro, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 503. |
20 | Br. Rafael, Brief vom 01.12.1937, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 545. |
21 | Rafaels Mutter in Vida y escritos, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 505. |
22 | Br. Rafael, Brief vom 18.03.1937, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 507. |
23 | Br. Rafael, Brief vom 01.11.1937, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 539. |
24 | Br. Rafael, Brief von Ende 1937, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 552. |
25 | Gott und meine Seele vom 16.12.1937, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 554. |
26 | Vgl. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 600, Anm. 289; Gott und meine Seele vom 07.04.1938, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 608. |
27 | Gott und meine Seele vom 16.12.1937, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 554. |
28 | Gott und meine Seele vom 29.12.1937, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 558. |
29 | Vgl. Apologie eines Trappisten vom 19.09.1934, in Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 209 f. |
30 | Gott und meine Seele vom 17.04.1938, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 623. |
31 | Vgl. Chronik von San Ísidro, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 629. |
32 | Gott und meine Seele vom 17.04.1938, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 623. |
33 | Gott und meine Seele vom 17.04.1938, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 614. |
34 | Peter Wust, zit. n. Markus Vinzent, Ruinen, S. 30. |
35 | Zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 601. |
36 | Gott und meine Seele vom 12.04.1938, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 617. |
37 | Gott und meine Seele vom 25.03.1938, zit. n. Sr. Ingrid Mohr, Wenn ich tausend Leben hätte..., S. 73. |
38 | Gott und meine Seele vom 17.04.1938, zit. n. Nur Gast auf Erden?, hrsg. v. Sr. Ingrid Mohr, S. 624. |
39 | Thomas Merton, Der Berg der Sieben Stufen, S. 441 f. |